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Was sind eigentlich Transfette ? Und woher kommen sie?

Aktualisiert: 7. Jan.

Als Wissenschaftler, der sich an der Schnittstelle von Mikrobiologie, Ernährung und

funktioneller Medizin bewegt, betrachte ich die Geschichte der industriellen Transfette

als eines der lehrreichsten und zugleich tragischsten Kapitel der modernen

Ernährungsgeschichte. Es ist eine Fallstudie darüber, wie gut gemeinte Innovationen in

der Lebensmitteltechnologie, angetrieben von wirtschaftlichen Interessen und einem

unvollständigen wissenschaftlichen Verständnis, zu einer globalen Gesundheitskrise

beitragen können. Dieser Überblick soll die chronologischen, biochemischen und

pathologischen Aspekte dieser Entwicklung beleuchten.



Die industrielle Verheißung und die schleichende Invasion


Die Geschichte der industriellen Transfette beginnt Anfang des 20. Jahrhunderts mit

der Erfindung der partiellen Hydrierung. Der deutsche Chemiker Wilhelm Normann

patentierte 1902 ein Verfahren, bei dem flüssige Pflanzenöle (wie Soja-, Raps- oder

Baumwollsaatöl) unter hohem Druck und hoher Temperatur mit Wasserstoffgas und

einem Metallkatalysator (meist Nickel) behandelt werden.


Das biochemische Prinzip:


Ungesättigte Fettsäuren in Pflanzenölen besitzen Doppelbindungen in ihrer

Molekülstruktur, die ihnen eine geknickte („cis“-)Form verleihen und sie bei

Raumtemperatur flüssig machen. Die partielle Hydrierung bricht einige dieser

Doppelbindungen auf und sättigt sie mit Wasserstoff. Ein unbeabsichtigtes, aber

prozesstechnisch entscheidendes Nebenprodukt ist die Umwandlung der

verbleibenden Doppelbindungen von der natürlichen „cis“-Konfiguration in eine

unnatürliche, gerade „trans“-Konfiguration. Diese Transfettsäuren (TFS) verleihen dem

Öl eine festere, streichfähigere Konsistenz, ähnlich wie gesättigte Fette (z.B. Butter).


Die industriellen „Vorteile“ waren unbestreitbar:


1.Haltbarkeit: Transfette sind extrem stabil und resistent gegen Oxidation, was die

Haltbarkeit von Lebensmitteln dramatisch verlängert und sie vor dem

Ranzigwerden schützt.


2. Textur und Mundgefühl: Sie verleihen Backwaren eine flockige Textur, Frittiertem

eine knusprige Hülle und Cremes ein stabiles, angenehmes Mundgefühl.


3. Kosten: Sie waren deutlich billiger in der Herstellung als tierische Fette wie

Butter oder Schmalz.


4. Der vermeintliche Gesundheitsvorteil: In einer Zeit, in der gesättigte Fette

zunehmend als Hauptverursacher von Herzerkrankungen verteufelt wurden,

vermarkteten Hersteller Produkte wie Margarine als „herzgesunde“

Alternative pflanzlichen Ursprungs. Dies war ein fataler Trugschluss, basierend

auf einer unvollständigen wissenschaftlichen Datenlage.


Ab den 1950er Jahren wurden Transfette zum unsichtbaren, aber allgegenwärtigen

Bestandteil der industriellen Nahrungskette. Sie fanden sich in:

Margarine und Backfetten (Shortening): Als direkter Ersatz für Butter und

Schmalz.

Industriell hergestellten Backwaren: Kekse, Cracker, Kuchen, Tortenböden und

Blätterteig.

Frittierten Lebensmitteln: Pommes frites, Donuts, Chicken Nuggets. Das Öl in

den Fritteusen konnte dank der Stabilität der Transfette viel länger verwendet

werden.

Fertiggerichten und Snacks: Mikrowellen-Popcorn, Tiefkühlpizza, Müsliriegel

und Kartoffelchips.

Die Verbraucher waren sich dieser Zutat weitgehend unbewusst. Auf den Etiketten

stand lediglich „pflanzliches Fett, teilweise gehärtet“ – eine technische Bezeichnung,

deren biochemische und gesundheitliche Implikationen für Laien nicht zu erkennen

waren.



Das wissenschaftliche Erwachen und die pathologischen Folgen


Während Transfette jahrzehntelang als unbedenklich galten, mehrten sich ab den

späten 1980er und frühen 1990er Jahren die wissenschaftlichen Beweise für ihre

Schädlichkeit. Die Forschung zeigte, dass der menschliche Körper nicht für den

Stoffwechsel dieser künstlichen Moleküle optimiert ist. Ihre gerade, starre Struktur führt

zu tiefgreifenden Störungen auf zellulärer und systemischer Ebene.


Die zentralen pathologischen Mechanismen:


1.Dyslipidämie – Der doppelte Angriff auf Blutfette:


Anders als gesättigte Fette, die primär das LDL-Cholesterin („schlechtes“ Cholesterin) erhöhen, verursachen Transfette eine katastrophale Doppelbelastung: Erhöhung des LDL-Cholesterins: Sie fördern die Produktion von kleinen, dichten LDL-Partikeln, die besonders atherogen (gefäßschädigend) sind. Senkung des HDL-Cholesterins: Sie reduzieren das „gute“ HDL-Cholesterin, das für den Rücktransport von Cholesterin aus den Gefäßen zur Leber verantwortlich ist.

Diese Kombination ist der stärkste bekannte ernährungsbedingte Risikofaktor

für die koronare Herzkrankheit.



2. Systemische Inflammation:


Aus Sicht der funktionellen Medizin ist chronische,

niedriggradige Entzündung die Wurzel vieler chronischer Erkrankungen.

Transfette sind potente pro-inflammatorische Agenten.

Sie:Aktivieren das Immunsystem: Sie führen zu einer erhöhten Produktion von

Entzündungsmarkern wie C-reaktivem Protein (CRP), Interleukin-6 (IL-6) und

Tumornekrosefaktor-alpha (TNF-α).

Verursachen endotheliale Dysfunktion: Sie schädigen die innere Auskleidung der

Blutgefäße (Endothel), beeinträchtigen deren Fähigkeit zur Weitstellung und

fördern so die Entstehung von Arteriosklerose.



3. Störung des Insulinstoffwechsels:


Transfette werden in die Membranen unserer

Körperzellen eingebaut. Dies beeinträchtigt die Fluidität und Funktion der

Zellmembranen, was die Signalübertragung von Hormonen wie Insulin stört. Die

Folge ist eine zunehmende Insulinresistenz, ein zentraler Treiber für die

Entstehung von Typ-2-Diabetes und dem metabolischen Syndrom.



4. Auswirkungen auf das Mikrobiom und die Darmgesundheit:


Als Mikrobiologe möchte ich betonen, dass eine Ernährung reich an ultra-verarbeiteten

Lebensmitteln, die typischerweise Transfette enthalten, die Darmflora negativ

beeinflusst. Sie fördert ein entzündungsförderndes Mikrobiom (Dysbiose) und

kann die Integrität der Darmbarriere schwächen („Leaky Gut“). Dies wiederum

verstärkt die systemische Entzündung und trägt zum Krankheitsgeschehen bei.



5. Potenzielle neurologische Folgen:


Die Zellmembranen von Neuronen im Gehirn

sind besonders reich an Fettsäuren. Die Integration von starren Transfetten kann

die neuronale Funktion beeinträchtigen. Studien deuten auf Zusammenhänge

zwischen hohem Transfett-Konsum und einem erhöhten Risiko für

Depressionen, kognitiven Verfall und neurodegenerative Erkrankungen wie

Alzheimer hin.

Die überwältigende wissenschaftliche Evidenz führte ab den frühen 2000er Jahren zu

einem Umdenken. Dänemark war 2003 das erste Land, das industrielle Transfette stark

regulierte. Es folgten Kennzeichnungspflichten (z.B. USA 2006) und schrittweise

Verbote. 2015 stufte die US-amerikanische FDA teilweise gehärtete Fette als „nicht

allgemein als sicher anerkannt“ (non-GRAS) ein, was einem De-facto-Verbot

gleichkam. Die EU zog 2021 mit einem Grenzwert von 2 g industriellen Transfetten pro

100 g Fett in Lebensmitteln nach.


Die überwältigende wissenschaftliche Evidenz führte ab den frühen 2000er Jahren zu

einem Umdenken. Dänemark war 2003 das erste Land, das industrielle Transfette stark

regulierte. Es folgten Kennzeichnungspflichten (z.B. USA 2006) und schrittweise

Verbote. 2015 stufte die US-amerikanische FDA teilweise gehärtete Fette als „nicht

allgemein als sicher anerkannt“ (non-GRAS) ein, was einem De-facto-Verbot

gleichkam. Die EU zog 2021 mit einem Grenzwert von 2 g industriellen Transfetten pro

100 g Fett in Lebensmitteln nach.



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Die Wissenschaft liefert die Fakten, aber die Umsetzung erfordert das richtige Mindset.




Schlussfolgerung aus funktionell-medizinischer Sicht:


Die Saga der Transfette ist eine eindringliche Warnung. Sie zeigt, wie eine rein auf

industrielle Effizienz und Haltbarkeit ausgerichtete Lebensmittelverarbeitung die

menschliche Biochemie und Physiologie missachten kann. Die chronischen

Krankheiten, die wir heute epidemisch beobachten – Herzerkrankungen, Diabetes,

Adipositas und entzündliche Zustände – wurden durch solche fehlgeleiteten

Innovationen massiv befeuert.


Die Lehre daraus ist nicht nur, eine einzelne schädliche Zutat zu eliminieren. Es ist die

Notwendigkeit, unser gesamtes Ernährungssystem kritisch zu hinterfragen. Wir

müssen von einer reduktionistischen Sichtweise, die einzelne Nährstoffe isoliert

betrachtet, zu einem ganzheitlichen Verständnis übergehen, das die Qualität,

Verarbeitung und biologische Wirkung von Lebensmitteln in den Mittelpunkt stellt. Der

Fokus muss auf naturbelassenen, unverarbeiteten Nahrungsmitteln liegen, deren

evolutionär erprobte Matrix unsere Gesundheit fördert, anstatt sie mit künstlich

geschaffenen Molekülen zu untergraben..


 
 
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